Harte wirtschaftliche Realitäten beim Erdöl
Während die «Blockade der Blockade der Strasse von Hormuz» zunächst vielfach belächelt wurde, hat die US-Seeblockade die wirtschaftliche Lage Irans grundlegend verändert.
Während die «Blockade der Blockade der Strasse von Hormuz» von vielen zunächst belächelt wurde, hat die US-Seeblockade die wirtschaftliche Lage Irans grundlegend verändert. Irans Ölexporte vor dem Krieg lagen bei rund 2 Millionen Barrel pro Tag (bbl/d), die meisten davon mit Ziel China. Nach Kriegsbeginn sanken diese Exporte auf etwa 1,6 Millionen bbl/d. Nach der US-Blockade fielen sie weiter auf rund 600 000 bbl/d.
Der Rückgang der Ölexporte hatte erhebliche Auswirkungen auf Irans Einnahmen und führte zu höherer Inflation. Zudem hat der Exportrückgang für Iran praktische Folgen in Bezug auf Lagerung und potenzielle künftige Öleinnahmen.
Da Iran 2 Millionen bbl/d Öl für den Exportmarkt produziert, aber nur 600 000 bbl/d exportiert werden können, muss es Lagerkapazität für rund 1,4 Millionen bbl/d finden. Laut Experten könnten die verbleibenden Lagerkapazitäten Irans für weitere dreissig bis vierzig Tage ausreichen, bevor sie voll sind — oder «tank top», wie es in der Ölindustrie heisst. Für Iran könnte die Realität noch schlechter sein, da Lageranlagen aus Sicherheitsgründen in der Regel nicht über 80 % gefüllt werden: Wenn sich die Tanks füllen, steigt der Druck, was zu Wärme und Ausdehnung des Öls führt — weshalb Industriestandards üblicherweise 3 % bis 5 % Lagerraum für Luft und Dämpfe (sogenanntes «Ullage» oder Kopfraum) am oberen Ende des Tanks vorschreiben.
Bei begrenztem verfügbarem schwimmendem Lager — und da Iran seine Exporte per Bahn kaum steigern kann — bleibt Iran nur eine weitere Option: eine vorübergehende Drosselung der Ölproduktion.
Diese Option ist sehr schlecht, denn jede vorübergehende Produktionsdrosselung könnte zahlreiche praktische Probleme verursachen, wenn Iran seine Produktion später wieder erhöhen möchte.
Wird die Förderung einer Ölquelle gedrosselt, kann dies nämlich zu einem dauerhaften Rückgang des Lagerstättendrucks führen, der zusätzliche — kostspielige — Fördermethoden erfordert. Zudem können sich mit nachlassendem Ölfluss einige schwere Kohlenwasserstoffe absetzen, während andere Flüssigkeiten nach oben steigen, was die Förderung erschwert. Auch können sich Minerale in den Leitungen ablagern und Paraffin verfestigen; diese Probleme können die Bohrlochinfrastruktur dauerhaft schädigen und kostspielige Massnahmen erfordern, um die Lagerstätte in den Zustand vor der Produktionsdrosselung zurückzuversetzen.
Da die iranischen Öllagerstätten alt sind und einen niedrigen Druck aufweisen, können die möglichen Probleme selbst bei einer nur vorübergehenden Produktionsdrosselung erheblich sein. Unter dem Strich könnte Iran, falls es seine Ölproduktion drosseln muss — selbst vorübergehend —, mit erheblichen Kosten und langen Zeiträumen konfrontiert sein, um die Produktion wieder auf das frühere Niveau zu bringen.
Für Anleger bedeutet dies, dass Iran wohl noch rund dreissig Tage hat, um einem Friedensabkommen zuzustimmen, bevor es die Risiken einer Produktionsdrosselung in Kauf nehmen muss. Für die iranische Regierung bedeutet weniger Öl weniger Geld für Löhne, höhere Inflation und damit weniger Rückhalt für das Regime. Wir gehen zudem davon aus, dass angesichts des Wunsches Chinas und der USA (unter anderem) nach wieder tieferen Ölpreisen ein Friedensabkommen im Iran in den kommenden Wochen sehr wahrscheinlich ist.


